Das Projekt

Die 16 großformatigen ‚Offenbacher Bilder’ spiegeln das Lebensgefühl von rund 1200 Menschen in der Stadt. Mit abstrakten Farbflächen oder konkreten Motiven bemalten Frauen, Männer und Kinder aus unter-schiedlichen sozialen Schichten und Kulturen die vorgezeichneten Felder. Zu jedem Feld wurden Vorname, Alter und Nationalität der Malerinnen und Maler festgehalten. Alle Entstehungsorte repräsentieren einen Lebensbereich der Stadt. Das Projekt ‚Offenbacher Bilder’ des Büro Gabriele Juvan verbindet Einzelpersonen und Gruppen, deren Lebenswelten sich im Alltag oft kaum berühren. Es wird so zu einem Panorama des Zusammenlebens in Offenbach.

 

Die Zukunft führt nach „Offenbach am Meer”

Das künstlerische Thema von Gabriele Juvan - die Entstehung von Kommunikation im öffentlichen Raum - hat mit den 16 Offenbacher Bildern, entstanden in den Jahren 2001 bis 2004 an typischen Orten des Offenbacher Lebens, eine besonders überzeugende, im Grunde visionäre Darstellung gefunden: „Komponiert” wurden die Bilder bei der Offenbacher Woche in der Innenstadt, der Ausstellungsreihe „Kunstansichten”, im vhs-Kurs „Deutsch als Fremdsprache” oder in der Stadtbibliothek, bei den Fußballern von Kickers Offenbach oder bei den Musikern des Oldie-Club. Der Malprozess und das Malergebnis beschreiben in mehrfacher Hinsicht eine künstlerisch-kultur– politische Vision.

Passend zum Jubiläumsjahr „50 Jahre Großstadt Offenbach am Main” haben 1.200 Menschen aller Altersstufen, aller Gesellschaftsschichten und vieler Nationalitäten gezeigt, dass der öffentliche, großstädtische Raum zumindest zeitweise ein Kultur- und Kunstraum sein kann, der den üblichen Schwellen und Stolpersteinen für eine Teilnahme an kulturellen Ereignissen ihre hemmende Wirkung nimmt.

Die Kunstaktion belegt auch, dass alle genannten Orte und die dort zum Gespräch, zum Lernen und zum Austausch versammelten Menschen sich als selbstverständlichen Teil und nicht als Fremdkörper, als Ausdruck der Stadtkultur und des gesellschaftlichen Lebens, aber nicht als „Inseln” fremder Kultur in Offenbach verstehen. Was die temporären Künstler zu den Offenbacher Bildern beigetragen haben, gilt auch für Offenbachs Rolle in der Region: Die Stadt ist eine bedeutende Facette der Rhein-Main-Region, die als Lebens- und Arbeitsraum, als Kulturregion, als Region des Sports und vielfältiger Freizeitmöglichkeiten zusammengewachsen ist, weil sie zweifellos- als Landschafts- und Kulturraum entlang der Flüsse Rhein und Main - auch zusammengehört.

Von einer visionären Betrachtung mit realistischem Hintergrund über das Leben an den großen Flüssen ist es nicht mehr weit zur Bemerkung, Offenbach liege „am Meer”. Dieser Slogan war stets mehr als ein Wortspiel, mehr als eine witzige Verrenkung geographischer Fakten. Und er war mehr beobachtet als behauptet: Offenbach liegt zweifellos am Meer, wenn es in süddeutsch-mediterraner Gelassenheit das Beste aus seiner Situation macht - nämlich als kleine Großstadt neben der etwas größeren Großstadt Frankfurt im polyzentrischen Rhein-Main-Gebiet gelegen zu sein. Notgedrungen ist die Stadt erfolgreicher Vorreiter für Haushaltssanierung und Verwaltungsmodernisierung und hat sich zugleich ein innovatives Kulturprofil erarbeitet.

Außerdem liegt Offenbach jetzt tatsächlich am Meer: An den Gestaden des Mains wird schon bald gesurft und gegrillt, geschwommen und gebräunt - ein Beach-Party-Leben in Höhe des Offenbacher Hafens, wo vormals Schrott gelagert und Brennstoffe gebunkert wurden. Am Main entlang werden sich - hier verschmelzen Vision und Realität - Freibäder und Gaststätten, Galerien und Ateliers reihen und sich den zahlreichen sonnenhungrigen, kulturinteressierten Alt- und Neubürgern öffnen, die in Erkenntnis der Lebensqualität in immer größerer Zahl nach Offenbach ziehen.

Wenn wir schon bei Visionen sind, so wünsche ich mir bis ins Jahr 2014 folgendes Bild unserer Stadt: Die Bürger finden, flanierend am Mainufer, den Maindamm als einen Skulpturendamm vor. Er zeigt augenfällig Offenbachs Rolle als regionaler Mittelpunkt junger Kunst und modernen Designs, als fruchtbares Sammelbecken unterschiedlichster künstlerischer Stile und kultureller Genres. Die aus den „Kunstansichten” entwickelte Kunstmesse ART Offenbach zeigt als Pendant zur internationalen ART Frankfurt, was in Offenbacher Kunsträumen zu sehen ist. Die Hochschule für Gestaltung ist Universität und arbeitet weiter an ihrem Ruf, international renommierte Ideenschmiede und Treibhaus ästhetischer Innovation zu sein.

Das Klingspor Museum für internationale Buch- und Schriftkunst wird erweitert und dadurch als Gebäude genauso hoch wie der benachbarte Bücherturm: Es erhält ein zusätzliches, gläsernes Stockwerk, das als Café, Kommunikationsort und Ausstellungsraum fungiert. Die Offenbacher Banken kaufen Offenbacher Kunst - als sichere Investitionen in öffentliche Räume. Das Rathaus wird zur Galerie. Bei den „Kunstansichten 2014” öffnen knapp 1.000 Ateliers und Galerien ihre Pforten. Das schuldenfreie Offenbach hat die vielbefahrene, Stadt und Fluss trennende Mainstraße tiefer gelegt. Über dem Tunnel findet urbanes Leben statt, mit Verkostungen jenes Weins, der am Schneckenberg und an anderen Hängen wächst.

Die ebenso kulturelle wie politische Beobachtung von „Offenbach liegt am Meer” folgt den Einsichten der großen Dichterin Ingeborg Bachmann. Diese schrieb nicht nur ein Gedicht mit dem Titel „Böhmen liegt am Meer”, sondern sagte von der Literatur: Sie ist „immer das Erhoffte, das Erwünschte... so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen”. In diesem Sinn steht unsere Stadt schon jetzt so sehr für „OFfenheit” und Grenzüberschreitung, dass viele Bürger bei der Anfertigung der Offenbacher Bilder auf die Frage nach ihrer Nationalität antworteten: „Offenbacher”.

Gerhard Grandke
Oberbürgermeister
und Kulturdezernent

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Selbstbewusst und konfliktbereit: ‚I OF’

Wie wäre das Phänomen Offenbach, dieser schon rund 300 Jahre von Einwanderung und Zuwanderung immer wieder neuer Bevölkerungsgruppen aus Ost und West geprägten Stadt, besser zu fassen als durch ungeordnete, gleichsam zersprungene und wieder aufgelesene Mosaiksteine, die Bilder formen? Es sind sinnlich empfangene Bilder, die ein jeder, der malte, im Gedächtnis hatte und zusammen mit anderen Gestalt annehmen ließ. Die „Künstlerinnen” und „Künstler” waren zwischen zwei und 82 Jahre alt, kamen aus verschiedensten Geburtsländern, unterschieden sich nach Bildungsstandard, Geschlecht und Erziehung. Trotzdem gaben sie als Herkunft meist „Offenbach” an. Was führte zur Identifikation mit dieser Stadt, die weder in den regionalen noch überregionalen Medien als schön bezeichnet wird, deren Arbeitslosenquote über dem Durchschnitt von Hessen liegt und die zu allem ein hohes, hässliches Rathaus besitzt?

Sollte man vor diesem Hintergrund nicht graue, düstere Bilder
erwarten?

Nein, bunt und kräftig prangen uns die Blumenbilder entgegen. Nicht zu übersehen und nicht kaputt zu bekommen. Es sind Zeichen einer aktiven sich wandelnden Stadt und Gesellschaft, die immer wieder nach neuem Selbstverständnis sucht. Diese freie, tolerante, liebenswerte Stadt lebt mit viel Selbstbewusstsein und mit Konfliktstoff, der offen ausgetragen wird. So bleibt dem Oberbürgermeister keine Wahl als seinem Leitmotiv zu folgen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.”

Womit identifizieren sich die Malenden?

Sehr stark wohl mit dem Sport. Der Fußballverein Kickers Offenbach, der in vielen Bildern auftaucht, kann stolz sein. Die Kickers sind echte Botschafterdieser Stadt. Und welcher Offenbacher kennt nicht das Lebensmotto der Mannschaft: „Zusamme schaffe mers!” Sie werden auf der Suche nach Identifikation am häufigsten genannt. Nicht nur der Ball wird dargestellt oder Botschaften in den Vereins-Farben rot-weiß. Auch Fußballfelder werden gemalt, auf denen sich der Ballsport ausführen ließe. Auf den Bildern finden sich aber auch Blumen, Tiere, Sonnen, Spielplätze. Nichts lässt erahnen, dass Offenbach im 19. Jahrhundert eine expandierende Fabrikstadt war, heute überwiegen - zumindest in den Bildern - die auflockernden Grünflächen. Es werden außerdem die Wetterfrösche (des in Offenbach ansässigen Deutschen Wetterdienstes DWD) aufgeführt. Auch Hunde (einschließlich Hundekot!), denn der nörgelnde Offenbacher kann sich mit Kritik nur schwer zurückhalten. Der Fluglärm durch den nahen Frankfurter Flughafen deutet sich in den Zeichnungen von großen Flugzeugen an. Dagegen ist wenig Platz in den Gemälden für melancholische Rückblicke auf historische Gebäude wie das Schloss oder das Büsingpalais, das nach vielen Diskussionen wieder aufgebaut wurde. Ganz deutlich geht der Blick nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. ‚Freunde’ werden als ein Hauptwunsch angesprochen und letztendlich ‚love’.

Ein Bild sticht deutlich aus allen anderen heraus, es hat sich in vielen Sprachen als Motto gewählt: „Nur gemeinsam haben wir eine Zukunft!” Oder ebenso bekennend in seinem Zentrum: „I OF”. Bei so viel Identifikation mit dieser Stadt, die von einer Zeitschrift für Mode einmal als „die Bronx von Frankfurt” bezeichnet wurde, gibt es Hoffnung für uns alle. Die noch immer gültige Parole der achtziger Jahre, die Jugendliche auf eine graue Betonwand des Rathauses gesprüht hatten „Lernt zu leben und zu lieben” scheint Wahrheit geworden zu sein.

Dr. Gudrun Geis-Tronich
Ethnologin und Kieferorthopädin,
Offenbach

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Zeitlich begrenzt, vergänglich, nicht steuerbar
- eine kleine Kommunikationsgeschichte
der Offenbacher Bilder

Die 16 Offenbacher Bilder wurden an Orten der Stadt ausgemalt, die für mich wichtige Bereiche des (Zusammen-) Lebens repräsentieren: Selbsthilfe, Bildung, Kultur, Umgang mit Benachteiligten, (Selbst-)Verwaltung, Wissenschaft. Diese eher zufällig begonnene Reise dauerte rund 800 Stunden. Sie führte mich an Orte, an denen ich vorher nie war und brachte mich mit mehreren tausend Menschen ins Gespräch. 1200 von ihnen - genau genommen 1191 - malten schließlich ein nummeriertes Feld auf einer der 16 Leinwände aus.

Zwischen der Entstehung der Bilder lagen zum Teil nur wenige Tage, zum Teil mehrere Monate. Diese Intervalle spiegeln, was Dialog zwischen Menschen ausmacht: Zeiten von Aufgeschlossenheit und Neugier, Müdigkeit und Rückzug, Erholung, erneutem Aufbruch. Sehr rasch fing ich Signale auf über die Stimmung, die an den einzelnen Orten herrschte, und über die Dynamik zwischen den Menschen, die sie frequentierten. Gab es ein starkes Gemeinschaftsgefühl? Konkurrenz? Verunsicherung oder Angst? Gleichgültigkeit? Oder waren die Berührungspunkte - wie bei den Bildern, die auf der Straße entstanden - eher zufällig? Bei der Entstehung der Offenbacher Bilder erlebte ich die Kommunikation mit den Malerinnen und Malern als intensiven Kontakt der zeitlich begrenzt und vergänglich war.

2001 brachte meine Schwester Sabine Sterzl das erste Bild mit nummerierten Feldern zum Ausmalen zu meinem Projekt ‚Ein Dach für Offenbach’ mit und schrieb zu jedem Feld Name, Alter und Nationalität der Malerinnen und Maler auf. Überraschend war, dass nicht nur Kinder, sondern auch Frauen und Männer jeden Alters und aus unterschiedlichen Kulturen Schlange standen, um mitzumachen. Erst als zwei weitere Bilder entstanden waren, begriff ich, dass die Bilder ein geeignetes Vehikel für ein eigenes Projekt waren. Denn immer geht es mir um die Fragen: Wie lassen sich Menschen in temporären Projekten zusammen bringen, die sich sonst nie begegnen würden? Entsteht durch die Teilnahme ein Gemeinschaftsgefühl? Und: Liegt darin der Keim für etwas, das nach der Rückkehr in den Alltag ganz diffus als positive Energie weiter lebt?

Fast alle Angesprochenen sagten zuerst: „Ich kann überhaupt nicht malen.” Welches Motiv hatten die Malerinnen und Maler, doch zu Farbbecher und Pinsel zu greifen und manchmal schnell, manchmal ruhig und akribisch ein Feld auszumalen? Einige sprachen von „Abwechslung”, „etwas Schönes tun”, „kurz etwas ganz anderes machen”. Außerdem lässt sich aus den Bildern herauslesen, dass wir Menschen - schon seit unseren Anfängen in den Höhlen - Spuren hinterlassen, Botschaften senden, Ereignisse beschwören und uns damit ein Stück in die Ewigkeit einschreiben wollen. Und schließlich griff auch die Dynamik der Gruppe, wenn die anderen zum Malen aufforderten: „Wir wollen ‚unser’ Bild doch voll bekommen!”

Die zweite Überraschung war, dass jedes Bild etwas in sich Geschlossenes, ganz Eigenes darstellt. Schließlich war das Raster vorgegeben: die Größe der Leinwand, die Blumen-Form, die vorgezeichneten Felder, die Farben. Trotzdem unterscheiden sich die Bilder in ihrer Farbigkeit, in der Verwendung von Fläche, Motiv oder Schrift, im Umgang mit den vorgezeichneten Feldern und zum Teil in den verwendeten Maltechniken. Aus der Fülle der verfügbaren Möglichkeiten gaben die Malerinnen und Maler ihrem Bild Gestalt. Dies geschah bei den ersten Feldern relativ frei. Je weiter die Bilder gefüllt wurden, desto stärker entwickelten sie ihre eigene Dynamik. Der immer wieder anderen Entwicklung eines Bildes lag ein immer wieder ähnlicher Prozess zwischen den Malerinnen und Malern zugrunde: Wer macht den Anfang?

Wer hat sein Motiv schon im Kopf? Wer steigt ein? Wer mobilisiert andere? Wer schaut, was dem Bild fehlt? Wer bringt es zu Ende, wenn die anderen vielleicht schon längst gegangen sind? Diese Fähigkeit, eine Gemeinschaftsleistung hervorzubringen, beobachtete ich unabhängig davon, ob Kinder oder Erwachsene malten oder ob die Malerinnen und Maler zufällige Passanten oder klar umrissene Gemeinschaften waren.

Jedes einzelne Bild liefert eine Moment- Aufnahme der Kommunikation zwischen Menschen an einem bestimmten Ort in Offenbach zu einer ganz bestimmten Zeit. Die Bilder behaupten ihre Eigenständigkeit, zeigen dabei aber auch Parallelen und Einzigartigkeiten. Nur einen einzigen jungen Mann (der übrigens das erste Feld auf dem ersten Bild ausmalte) traf ich später beim Malen eines anderen Bilds wieder. In den vergangenen Jahren wurde ich jedoch öfter auf der Straße von Menschen angesprochen, die sich nach dem Verbleib ‚ihres Bilds’ erkundigten. In der Ausstellung haben nun alle Malerinnen und Maler die Chance, ihr Feld - und die 1190 anderen - zu sehen. Im Sinne eines ‚Treffpunkts auf Zeit’ werden fast alle malenden Gruppen zur Ausstellung und zu den Aktivitäten im Rahmenprogramm beitragen. Dies eröffnet zumindest die Chance, ortsübergreifend miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die in der Ausstellung zusammengetragenen Offenbacher Bilder sollen danach wieder verstreut werden und an Orten des Offenbacher Lebens auftauchen. Sozusagen als Gedankenstütze an einen positiven Moment, in dem alles ganz einfach zu sein schien und mit Freude gemacht wurde - ein kleiner Moment der Freiheit, wie ihn nur die Kreativität eröffnet.

Aber wie alle kommunikativen Prozesse ist auch dieser zeitlich begrenzt, vergänglich und kann zwar angestoßen, aber nicht gesteuert werden. Wohin er führt, zeigt die Zeit - auch wenn er vielleicht zum Stillstand kommt oder sein Ergebnis sich unserer Kenntnis entzieht.

Gabriele Juvan

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